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Samstag, 1. Oktober 2016

Warum schaffen es die einen, und die anderen schaffen es nicht? (Das Leben)

Vorsicht: Es geht um den Tod, Selbstzweifel, Suizid, Hoffnung. Und das LEBEN. Wer das nicht lesen mag oder kann, lässt es besser. 




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Zur Titelfrage
Dies ist eine Frage, die ich mir immer wieder stelle. Doch ich zerfleische mich nicht mehr damit. Ich habe die Distanz dazu, auch wenn es mich beschäftigt. Bald jährt sich der Todestag meines Bruders zum neunten Mal. Wie langjährige LeserInnen wissen, starb er durch eigene Hand.

Für mich stellt sich die Frage nicht mehr, ob ich es selber schaffen werde. Ich lebe. Mit Zweifeln, aber ich bin lebendig. Mein Wille geschehe. Ich bin eine harte Ego-Nuss, auch wenns mir selber nicht immer klar ist. Andere haben das erkannt und es benannt. Erst dann konnte ich selber darüber nachdenken. (danke T.!).

Und das bringt mich wiederum zum Schmunzeln. Ich freu mich darüber, zäher zu sein, als meine Lebenszweifel: Ich hungre euch aus und werde noch drüber lachen! Nein, meine Dämonen werden mich nicht kriegen. Nicht mehr. Nie mehr. Weil ich es schaffe.

Weil ich nicht so weit gekommen bin, um mich dann aufzugeben. Da ist immer wieder ein grosses JETZT ERST RECHT. Nach jedem überstandenen Sturm und jeder panischen Situation.

Ich frage auch nicht mehr die Ärzte nach einer Diagnose oder einer Prognose. Warum sollten sie mein Leben besser kenne als ich? Diese Deutungshoheit gestehe ich niemandem mehr zu.

2007. In der Familie war ich die einzige, die wirklich kapiert hat, dass mein Bruder die schiefe Bahn schon längst erreicht hatte. In seinem (grossen!) Freundeskreis gab es auch einen guten und verständigen Freund, der auch einen Verdacht hatte und der Hilfe bieten wolllte, welche von meinem Bruder aber abgelehnt wurde. Er hätte meinen Bruder auf dem Gang zu den Fachstellen und zu ärztlicher Hilfe begleitet.

Mein Bruder.
Er versuchte so viel wie möglich in sein Leben zu packen und er scheiterte daran. Viel Arbeit, hohe Sensibilität, Müdigkeit durch zu wenig Schlaf, Zweifel, Liebeskummer und Alkohol -- so würde ich es umschreiben, das war der Mix, der ihn das Leben gekostet hat. Die grundsätzliche Einsamkeit inmitten von Menschen. Die er nie losgworden ist. Sich selber keine Heimat gegen können. Das scheint ein Familienthema zu sein. Inneres Nomadentum.

Bei jedem Treffen fand ich, er sehe verlebt aus. Ich versuchte auch, ihm zu helfen. Stolz, Verletztlichkeit und ein grosser Dickkopf -- da ist schwer gegen anzukommen. Meine liebevollen Mahnungen vielen auf ausgetrockneten Boden. In mir war auch die Idee: Wenn ich es geschafft habe, schafft er es auch. Eine Illusion, wie mir jetzt klar ist.

Dass in meines Bruders Leben bereits ein Strudel war, der deutlich nach abwärts zeigte: Ich konnte das nicht wegschieben, ich spürte es. Hatte eine unterbewusst Vorahnung. Trotz allem Mitgefühl, war ich mir selber näher. Zu weit gekommen um mich jetzt wieder um jemand anderes zu kümmern. Genug Bedürftigkeiten anderer bedient, Löcher gestopft. Eigene, andere. Ich wollte das nicht mehr.

In einem kurzen Augenblick wurde mir bildlich klar, was die Konsquenz daraus sein könnte, wenn es so weitergeht, dann war das Bild wieder weg. Vom eigenen Alltag weggewischt. Und ich machte mit meinem eigenen Leben weiter. Weil ich da endlich weiterkommen wollte, ich nochmal eine Chance bekommen hatte für eine Ausbildung.

Ein paar Wochen später gab es ihn nicht mehr, meine kurze Vision war Realität geworden.

Ich vermisse ihn nach wie vor, und es bleibt eine Leere zurück. Immer. Manchmal ist sie stärker, manchmal spüre ich sie kaum. Trotzdem bin ich froh, habe ich mich für mein eigenes Leben entschieden, so beschissen das auch klingen mag. Inzwischen stehe ich vor mir selber dazu. Und ich bin verantwortlich für meinen Weg. Immer.

Bruder: Ich vergesse dich nicht, weil du in meinem Herzen bist. Doch ich habe mein Leben nicht für deins in die Waagschale geworfen, weil ich mir zu wertvoll dazu war. Weil du auch um deine Selbstständigkeit gerungen hast und ich dir deinen Willen nicht nehmen wollte. Ich habe gesehen, was aus Menschen wird, die man entmündigt hat. Welche Spuren das hinterlässt. Und ich habe verdrängt, dass ich es vorausgeahnt habe, dass du bereits ans Gehen denkst.

Wieso bekommen also die einen ihr Leben auf die Reihe und andere schaffen es nicht? Und was heisst "schaffen" überhaupt? Wer misst das und warum?

Warum packen es die einen und andere nehmen den Notausgang oder versinken für Jahre oder lebenslang in den Wolken im Wolkenkuckucksheim?

Für mich heisst "es schaffen": Am Leben zu sein. Ein möglichst selbstständiges (im Rahmen der Möglichkeiten) und selbstbestimmtes Leben zu führen. Ich weiss, dass "Erfolg" völlig verschieden definiert wird. Und in unserer Status- und Leistungsgesellschaft sicher nicht so, wie ich es gerade für mich beschrieben habe. Für mich habe ich den Grundsatz, dass ich selbstständig sein will, so gut es geht und dass ich möchte, dass sich mein Leben als lebenswert anfühlt. Alles andere ist für mich Beigemüse ... 


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... es gäbe noch mehr dazu zu schreiben, aber erstmal mache ich einen Punkt.

Kommentare:

  1. Liebe Anne,

    manche zerstören ihr Leben durch ihr Tun,
    manche zerfragen es durch ihr Denken ... beides trägt den Hauch des Todes in sich ..den äußeren bzw. - nicht weniger tragisch - den inneren

    Nachdenkliche Grüße
    Faro

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    1. Hallo Faro, ja, da stimme ich dir zu. Ich erkenne einiges Wahre. Es trifft zu. Und das trifft mich. Eine kann das Leben auch zerdenken.

      Lieber Gruss, Anne

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  2. Liebe Anne,
    das Leben endet immer tödlich. Was immer man auch tut, oder lässt, hat im Endeffekt doch das gleiche Ergebnis.
    Ich finde das beruhigend-und bin trotzdem nachdenklich...
    Da ich deinem Blog schon ein Weilchen folge, wollte ich das hier nur mal loswerden...

    Liebe Grüsse Niscayena

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    1. Hallo Niscayena

      Ja, die Endlichkeit des Lebens trägt auch für mich einen beruhigenden Sinn in sich. Manchmal grüble ich halt trotzdem drüber nach, warum Wege so verschieden sein können (oder müssen). Dass das Ende für alle gleichermassen kommt, soweit abstrahiere ich in diesem Moment dann nicht.

      Danke für deinen Kommentar!

      Lieber Gruss

      Anne

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  3. Liebe Anne,
    warum die einen das Leben trotzdem schaffen, kommt bestimmt daher, dass sie trotz allem staunen können, mit Neugier auf die „zerwaffelte“ Welt schauen und vielleicht eine Verbundenheit in allen Dingen und Kreaturen wahrnehmen und daraus das Lebensfeuer ziehen. Vielleicht?
    Um das Leben nicht zu zerdenken hilft wohl einzig es zu fühlen. Also Apfelkuchen backen ist eine richtig gute Idee. ☺

    Was du von deinem Bruder schreibst, macht mich sehr betroffen.

    Ich wünsche dir Neugier und erstaunlich gute Augenblicke,
    viele Grüße,
    Ulrike

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    1. Liebe Ulrike

      Daran, dass Verbundenheit den Sinn schafft und das Lebensfeuer entfacht, glaube ich. Wer sich fragmentiert und abgetrennt fühlt ... Da wird das Lebensfeuer erstickt oder es wird zum hochlodernden Strohfeuer. Fühlen .. ja.

      Der Apfelkuchen war dann die Krumenspur, die ich in diesem Moment gebraucht habe.

      Mein Bruder. Mich beschäftigt es zwischendurch noch. Aber ich lasse mich nicht aufhalten. Ab und zu muss ich darüber schreiben, wenns mich wieder beschäftigt.

      Danke für deine Wünsche!
      Neugier, das ist stets eine gute Entscheidung und etwas für in den Notvorrat :)

      Lieber Gruss
      Anne

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