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Samstag, 25. Februar 2017

Selbstbestimmt leben mit hoher Sensibilität (meine Erfahrungen)

Aktueller Stand
Nachdem sich der gröbste Stress bei der Arbeit gegen Freitag gelegt hat, konnte ich endlich auch wieder ruhiger werden. Seit Wochen habe ich gestern Abend mal wieder den "Boden" des Abteilungs-Mailpostfach gesehen. Wow ...

Das befürchtete Gespräch fand nicht in dieser Form statt und stattdessen wurde ein Termin verschoben. Jedenfalls ist der Druck weg. Sobald ich wieder Boden unter den Füssen hatte, fragte ich mich: Was war denn da nur mit mir los? Ich verstehe mich immer besser. Es ist seltsam, aber mein Befinden ist sehr von der Wetterlage abhängig. Den Sturm habe ich vorausgespürt, manchmal spüre ich heftig Wetterfronten mehr als 48h voraus. Föhn, Westwind, Bise, Regenwetter, Schnee. .. In früheren Zeiten hätte ich damit Geld als "Wetterwahrsagerin" und Frühwarnsystem verdienen können

... Wenn dann mehreres zusammenkommt (den weiblichen Zyklus gibts ja auch noch) dann zittere ich innerlich wie Espenlaub und als wäre ich ans Stromnetz angeschlossen. Der Druck steigt und steigt ...

Und ich habe am Donnerstag zwei Telefonate erledigen können, die mir unangenehm waren. Telefonieren bei der Arbeit mag ich meistens nicht. Es ist zum Glück auch selten nötig. Immer wieder passiert es mir, dass ich mich dabei verhasple und ins Stocken gerate. Vor allem wenn ich jemanden nicht gut kenne. Im persönlichen Kontakt bin ich oft weniger gehemmt. Da ich aber nur per Mail mit meinen Kunden kommuniziere, ergibt sich selten Gelegenheit zum Kennenlernen. Zum Glück gingen die Telefonate recht flott und ich konnte souverän bleiben. Ein gutes Gefühl, das dann doch erledigt zu haben. Jede Angsthürde, die ich zu nehmen lerne, ist wertvoll.

Ich merke, dass es mir wichtig ist, meinen Teil bei der Arbeit zu leisten, die anderen nicht hängen zu lassen. Bei uns ist das ein gegenseitiges "Geschäft", es funktioniert. Auch ich werde unterstützt. Deshalb ist mir Konstanz wichtig, immer wieder aufzupassen dass ich nicht ausfalle, Routine zu gewinnen und auch zu merken, wann ich eine Pause brauche.

Mein Teil an Arbeit und Verantwortung ist grösser geworden, ich bin stärker geworden und ich arbeite seit Anfang Februar 80% (verteilt auf 5 Tage, vorher waren es auch 5 Tage, aber mit 70%). Dennoch definiere ich mich nicht über meine Arbeit. Mir ist es wichtig, dass ich konstant bleiben kann. Ich gebe nicht mehr Vollgas um dann in ein Loch zu fallen, sondern ich wäge besser ab, was drinliegt und kann nun auch besser Prioritäten setzen.

Ebenso froh bin ich, dass ich wieder einsatzfähig geworden bin, nach der Migräneattacke (war auch teilweise wetterbedingt). Die Erschöpfung ist da, ist vorhanden, ist auch normal in dieser Saison. Ich kann es einordnen, ich muss mich nicht mehr permanent fragen, was mit mir los ist.

Bei uns ist auf der Arbeit jedes Jahr volle Action um diese Zeit. Daher plane ich meinen Urlaub seit einigen Jahren entsprechend auf Anfang März. Ich würde sagen, es geht mir viel besser als in den Vorjahren. Da war ich mental meistens dermassen fertig, dass ich mich von Tag zu Tag geschleppt habe, immer unter Druck und gefühlt am Rande meiner Existenz. Jetzt bin ich einfach abgekämpft, aber ich fühle mich trotzdem lebendig.

Meine eigene Wahrheit nähren
Ich habe nun gelernt, auch unter diesem Druck, bei mir und meiner Wahrheit zu bleiben. Ich glaube mir selbst, vertraue mir selber mehr. Diese Wahrheit zu hüten, zu pflegen, sie zu nähren -- aber sie auch nicht jedem unter die Nase reiben zu müssen. Ich kenne mich, kenne meine Wahrheit. Ich erkenne mich und kann mich immer wieder auch anerkennen. Nicht jedes Hüsteln eines Kollegen hat mit mir zu tun, diese Paranoia hat sich gebessert.

Womit identifiziere ich mich? Mit meiner Stärke oder mit meiner Schwäche?
Das starke Gefühl von Unwert, von Scham, die ständige Bedrohung meiner (mentalen) Existenz konnte ich deutlich als Muster der Vergangenheit erkennen und sie auch dorthin verweisen. Hin und wieder kommt das alles hoch, es ist ein Teil von mir. Ich kenne und anerkenne meinen Weg, aber ich muss mich nicht selber bemitleiden. Was war, das war. Ich identifiziere mich nicht mehr damit!

Es gibt noch gewisse Überlebensmuster und diese werden gelegentich selbständig aktiv. Ich bin aber mehr als das. Viel mehr. Dies zu erkennen, war ein wichtiger Schritt, um mein Leben aktiv gestalten zu können.

Es war sehr viel Sortierarbeit und sie war mühsam, zeit- und kraftraubend. Ich bin froh, dass mein Lebensgefährte mir dabei geholfen hat. Ich habe nun seit 5 Jahren, seit ich diese Stelle habe, Meile um Meile zurückgelegt, um so weit zu kommen und ich war oft genug am Limit. Es ging mir _nicht_ in erster Linie darum, endlich ein "wertvolles Mitglied der Gesellschaft" zu werden. Ich habe die Arbeit nicht erfunden, Arbeit ist für mich kein Selbstzweck. Damit verdiene ich nur mein Geld. Ich war und bin auch sonst wertvoll. Arbeitengehen. Es geht mir weniger um Geld und Status, sondern darum, dass ich mit meiner Umwelt klarkomme.

Die Gedanken auf ihren Platz verweisen
Ich habe damit begonnen, meinen Gedanken von Unwert ein klares NEIN entgegenzusetzen, mich nicht mehr auf diese Nachtgespenster einzulassen. Der Paranoia habe ich erklärt, dass ich sie sehe, aber lieber selber überprüfe, wie sich die Dinge verhalten. Klarer zu kommunizieren, das kam nebenbei, weil die Selbsterkenntnis sich verbessert hat. Zu erkennen, dass meine Gefühle anderen Menschen gegenüber keineswegs konstant sind, war ein weiterer Mosaikstein. Genausowenig bin ich konstant mir selber gegenüber. Aber ich lass es jetzt eher mal stehen und steigere mich mit meinen Gedanken nicht mehr rein. Es zu erkennen, ist oft schon wichtig und reicht jetzt auch meistens aus.

Diesen übergrossen Weltschmerz will ich nicht mehr
Das Geschehen in der Welt begann ich bewusst auszublenden, weil es mir den Boden unter der Füssen wegnimmt. Stattdessen reduziere ich diese Form von Aussenreiz, so weit ich kann. Dies macht mich widerstandsfähiger. Wenn jemand in meiner Umgebung Hilfe benötigt, kann ich da sein.
Wenn ich in Weltschmerz verfalle, kann ich es nicht. Ich habe erkannt, das gewisse Formen von Trauer und Mitleid grosse Ressourcenfresser sind und ich meine Energie da nicht mehr reingeben will. Das hat mich etwas härter werden lassen aber auch klarer. Ich verschwende mich nicht mehr an jeden.

Ständige Betroffenheit -- will ich das denn?
Ich habe schon lange einige Vorstellungen von einem selbstbestimmten kreativen Leben, in dem mir nicht jeder Windhauch und jede Hürde zu schaffen macht, in dem ich nicht von allem und jedem, was um mich herum passiert "betroffen" und "mitgenommen" bin. Ich will doch endlich auch mal mein Potential leben!

Dieses Gefühl von Ausgeliefertsein und von Resignation hat mich schon so lange begleitet, dass ich wusste, _hier_ muss ich noch an mir Arbeiten. Manchmal dachte ich "das bin halt ich". Bis ich merkte: Nein, das ist vor allem Ballast. Sonst komme ich nie soweit, mein Leben zu schaffen oder Träume zu verwirklichen. Oder ich schaffe es irgendwie, aber das Leben fühlt sich nicht als meines an. Die Dinge geschahen mit mir in meiner Vergangenheiz -- und ich wusste nicht, wie ich meinem Leben Herrin werden konnte.

Als mir bewusst wurde, dass mich alles und jedes "mitnimmt", war mir auch klar, dass ich genau da ansetzen musste. Dieser Punkt, ständig ohnmächtig der Welt gegenüber zu sein, den wollte ich verbessern. Und daher bin ich an diesem Weg ins Arbeitsleben drangeblieben. Es wurde mir so deutlich klar, dass ich aus dieser Opfer- und Betroffnenhaltung rausmusste und dass dies nur über diese Konfrontation mit der Aussenwelt geht. Es waren teilweise sehr schmerzhafte Erfahrungen.

Ich habe mich sehr oft nach dem Schneckenhaus zurückgesehnt, inzwischen ist es besser geworden. Ich bin nicht teflonbeschichtet.Auch sensible Menschen haben einen Platz in dieser Gesellschaft. Davon bin ich überzeugt. Dafür wehre ich mich. Und das gebe ich auch an andere weiter.

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Alles in allem gebe ich jeden Tag sehr viel, um weiter zu kommen, aber ich gewinne auch viel zurück. Die Bilanz ist ausgeglichen. Es fühlt sich weitaus besser an als all die Jahre zuvor.




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