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Dienstag, 15. Februar 2011

Ein lebenswertes Leben leben

Es hat meiner Erfahrung nach Vor- und Nachteile wenn man ständig mit der eigenen Gesundheit, Sensibilität  und Balance beschäftigt ist. Eine Unmenge an Erfahrungen, Gedanken und Ideen wollen niedergeschrieben werden:

Ein Vorteil ist es für mich, dass ich mich immer besser kennenlerne. Ich werde mir klar über mich sich selbst. Ich erkenne mich. Stärken, Schwächen, Charakter, Verhalten ... So gelingt es mir immer weniger, mir selber in die Tasche zu lügen. Und es gelingt mir immer besser, ein Leben nach meinem Willen und Wollen zu bauen. Selbst die Träume sind manchmal sehr klar, zuweilen recht ernüchternd, ein anderes mal können die Träume auch sehr erhebend und fantastisch sein. Auf jeden Fall schaue ich beständig in den Spiegel. Und dort sehe ich dann eben auch was gerade aktuell ist. Die Klarheit ist auf jeden Fall erstaunlich. ich empfinde auch mehr Toleranz und Mitgefühl für andere, meine Handlungsmöglichkeiten erweitern sich ständig.

Somit fällt auch gleich mal das Argument weg, dass man sich mit Psychopharmaka nur selber aus dem Weg geht und die eigene Entwicklung behindert. Mir geschieht gerade genau das Gegenteil und ich finde es wunderbar!

Ein Nachteil ist eben genau dieses andauernde mit sich selbst Konfroniertsein. Die Selbstreflektion führt zu einer Zersplitterung der Spiegels. Ich bin zuweilen gefangen in meinem eigenen Spiegelkabinett, sehe nur noch Reflektionen und weiss nicht, wo ich stehe. Meine jeweilige Befindlichkeit bestimmt zudem das ganze Leben. Ich hasse meine Empfindlichkeit manchmal extrem. In schlechten Momenten kommt dann auch der Gedanke hoch, ob ich vielleicht, da ich (noch) von einer Sozialversicherung abhängig bin, nicht doch zu den berühmten Sozialschmarotzern gehört (von denen ich noch keine getroffen habe), jenem Teil der Gesellschaft, der den anderen so schwer auf der Tasche liegt. Das sind Gedankengänge, die meine Stimmung zu diesem Zeitpunkt nicht wesentlich verbessert, ganz im Gegenteil. Dann geht es mir erst recht mies, da es mich zusätzlich runterzieht! Darum muss ich solche mistigen Ideen dann ganz schnell wieder in das Reich der Lügen vebannen, denn dort gehören sie hin.

Es betrifft alle. Damit komme ich plötzlich in einen Bereich, der alle angeht: Wer bestimmt denn, was das Beste ist, das ein Mensch erreichen kann? Wann hat man seine Möglichkeiten ausgeschöpft? Wann hat man genug getan? Was ist machbar und was ist lebenswert? Wo sind die persönlichen Grenzen: Wie weit kann und will ich gehen? Wie gestalte ich mein Leben? Wo lasse ich mich von Vorstellungen anderer leiten – und wann bin ich ganz mich selbst? Was ist Individualität und was ist Gemeinschaft? Was will ich sein? Wie will ich leben?

Idol Arbeit. Das Rackern und sich Abmühen geniesst immer noch einen hohen Status. Schliesslich müssen bei der Arbeit viele "unten durch", das Leben ist ja schliesslich kein Ponyhof, wo kämen wir damit auch hin... (Das weiss niemand, denn es wurde kollektiv noch nicht gewagt und ausprobiert..). Menschen die aus diesem Leistungs-Muster ausscheren und sich dem nicht fügen (wollen und/oder können), machen sich verdächtig. Das Leben läuft nicht nach dem Lustprinzip. Daran müssen sich alle halten. Basta. Durch die Globalisierung und Digitalisierung des Lebens wird das Leben selbst aber immer anstrengender. Alles könnte und müsste Platz haben. Meiner Meinung nach gibt es aber kein grenzenloses wirtschaftliches Wachstum und auch keine unendliche Beschleunigung des menschlichen Lebens. Seele und Körper holen sich ihre Auszeiten von selbst wenn man sie nicht einhält … Doch dieses Schwachsein ist verpönt und gefürchtet. Das zeigt schon die weit verbreitete Angst vor Alter, Tod und Krankheit. Ich glaube nicht, dass alles im Leben eine Frage des Willens, der Arbeitsfähigkeit oder der passenden Therapie und medikamentösen "Einstellung" ist.

Wieso haben beispielsweise seelische oder "psychosomatische" Erkrankungen immer noch dieses Stigma? Vielleicht ist es auch gerade deshalb, weil immer mehr Menschen darunter leiden und die Verwirrung und Bestürzung darüber gross ist.

Wohin?
Es stellt sich die Frage: Wer soll das bezahlen? Doch ab da geht die Diskussion in die falsche Richtung! Statt diejenigen zu beschuldigen und zu verdächtigen, die bei dem täglichen Marathon nicht mehr mitlaufen mögen und können, braucht es eher ein grosses Umdenken. Zumal es immer mehr werden! Der Körper bräuchte mehr Fitness, die Seele mehr süsses Nichtstun und Erholung... Wie soll das gehen, wo doch alle stets leisten müssen um finanziell oder gesellschaftlich nicht unter zu gehen? Wir leben, meiner Meinung, nach in einer Zeit, die die Seele hochgradig gefährdet, fürchten uns aber am meisten vor körperlichen Erkrankungen (zB vor Erkrankung durch Viren..)!

Das ist absurd..

Wie?
Auf jeden Fall bin ich der Meinung, dass es neue Wege und Ansichten braucht, auch darüber, was ein Leben lebenswert und wertvoll macht.
Welche Wege es gibt und was die eigene Wege sind, darüber muss sich jede und jeder selbst Gedanken machen.

Danke fürs Zuhören …

Kommentare:

  1. Ach, hast du schön geschrieben, liebe Anne!

    Jeder Absatz ist es wert, einzeln beantwortet zu werden. Das würde ich gerne. Grad jetzt aber ist es mir zuviel, weil ich müde bin und den abendlichen Rotwein getrunken hab.
    Wenigstens das aber will ich dir zurückmelden: dass ich das dauernd über sich selber Nachdenken sehr, sehr gut kenne und weiß was das für eine Plage sein kann. Aber es ist nicht umsonst, dessen bin ich mir sicher. Ich könnt sonst nicht so "kreativ" sein, wie du bei flickr siehst und schätzt.
    Ich bin im Herbst 2010 auf ein Buch gestoßen, das mich "gerettet" hat und ich würde es dir gerne empfehlen: Julia Cameron, Der Weg des Künstlers.
    Sprich Künstlerin.
    Dass du mit Psychosachen überlebst, finde ich toll! Dass es immer noch tabu ist, finde ich schlimm. Denk einfach, dass du in dieser Richtung zur Avantgarde gehörst.

    Ich grüß dich ganz herzlich,
    Ingrid

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  2. Klasse geschrieben. Alles rot bis himmelblau zu unterstreichen!
    Gruß von Sonja

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  3. danke euch beiden! anscheinend beschäftigen diese themen noch viele andere ausser mir..

    @ingrid. es freut mich, dass ich etwas aufgegriffen habe, das bei dir nachklingt. ja, ich merke auch, dass es ohne tiefgang und sinnieren nicht geht. ein anderes leben kann ich mir für mich nicht vorstellen. allerdings merke ich es nun auch, wenn ich übertreibe ;) / das mit der avantgarde finde ich eine lustige idee, ich glaube es macht sinn, eine öffentliche debatte zu führen und die dinge beim namen zu nennen.. / camerons buch habe ich auch schon einmal als tipp bekommen, zeit mir das jetzt mal zu besorgen :)

    @sonja
    danke für die blumen :)

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