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Donnerstag, 27. Oktober 2016

Schöne neue Arbeitswelt (Wie der Mensch sich selber abschafft)

Ich gehe sehenden Auges durchs Leben. Mir fällt einiges auf, was mir Sorgen macht. Je weniger ich mit mir selber zu tun habe, desto mehr beschäftige ich mich mit dem, was um mich herum passiert. Und vielleicht schreibe ich etwas naiv darüber, aber ich werds trotzdem aufschreiben, weil es mich beschäftigt.

Heute hab ich gelesen, dass die Schweizerische Post 600 Filialen schliessen will, das heisst 1200 Menschen sind davon betroffen. Stellen sollen aber dadurch keine verloren gehen.

Dass das geht (Stellen erhalten) kann ich mir nicht vorstellen. Aber ich lasse mich da gerne eines besseren belehren.


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Das ist nur ein Beispiel. Ich habe nix weiter dazu recherchiert, werfe es einfach so hin. Es könnte auch Firma XY oder ZVW sein. Wie es bereits anderswo geschah und immer wieder geschieht.

Alles wird besser, schneller und alles wird digital. 

Eine vernachlässigbare Nebensache ist, dass Menschen und ihre wirtschaftliche Existenz an diesen Entwicklungen mit dranhängen. Wenn alles digitalisiert ist: Wohin mit den Menschen? Diese Art von Fortschritt lässt sich eben auch schlecht rückgängig machen. Mir machen einfach die Begleiterscheinungen Bauchweh. Die Geilheit nach den aktuellen Zahlen. Personalkosten sind teilweise schlicht ein zu grosser Posten im Budget. Da lässt sich immer etwas dran drehen.

Das möchte ich die Bilanzsanierer, Massenentlasser und Fans der Cost-Income-Ratio fragen: Wohin mit den Menschen?

Sozial? Scheissegal! Hauptsache die Bilanz stimmt: So viel haben wir gespart. Da haben wir expandiert. Soviel Gewinn haben wir im letzten Jahr gemacht. 

Das zählt. Das sind die Zaubertricks, die eine Rolle spielen.

Alles andere sind nur "Zeichen der Zeit", so läuft halt die Entwicklung, so spielt eben der Markt. Da finden sich immer ein paar schöne Worte.

Das sind "ökonomische" Spielereien die am Ende sehr viel kosten werden. Arbeitsplätze, Menschenwürde, ... Leben?

Irgendein Sozialfonds oder irgend ein Topf der Allgemeinheit wird schon für diejenigen aufkommen, die keine neue Arbeit finden oder die am System zugrunde gehen. Und genau an diesen Notfall-Töpfen wird dann später wieder herumgespart, weil die Sozialausgaben explodieren.

Und ich persönlich glaube nicht mehr an die Gewerkschaften. Die sind inzwischen Teil des ganzen seltsamen Systems.

Am Ende erledigt man wahrscheinlich dann doch mit weniger Menschen die gleiche Arbeit wie vorher -- voilà! Das ist dann der sogenannte Fortschritt. 

Und wenn einige Menschen halt durch die Maschen fallen, dann ist das eben so. Zeichen der Zeit und etc. pp. Wirklich verantwortlich dafür ist aber ...  (siehe Füllwörter oben).

Neben der obersten Kaste, den paar Spitzenverdienern, braucht es dann nur noch ein paar billige Lohnsklaven. Jemand muss ja schliesslich die Maschinen bedienen, die dann (fast) alles selber können. 

Grosse gesellschaftliche Veränderungen, Massenarbeitslosigkeit, die liegt zum Glück noch in genügend weiter Ferne. Aber es braut sich definitiv was zusammen. Und ich merke immer wieder, dass mich das Thema Hartz IV sehr beschäftigt, obwohl das ja ennet der Grenze vom (noch) bonzigen CH-Land "stattfindet". Aber auch im schönen CH-Land knirschts im Gebälk.

Und den arbeitslosen Rest der Menschheit: Schaffen wir den dann ab oder wie?

Die Tendenzen sind da.
Fortschritt: Wovon schreiten wir fort und wohin?




Kommentare:

  1. Ein toller Artikel, und das schreibe nicht nur, weil ich gerade aufgrund einer langwierigen chronischen Erkrankung unfreiwillige Kundin der Agentur für Arbeit bin..
    Bereits im BWL-lastigen Studium drehte sich damals alles um die Optimierung und wie man noch mehr aus Prozessen, Arbeitsabläufen und Menschen heraus holen kann. Im Personalmanagement sprach der Dozent von High Potentials, der breiten Mitte und dem "Bodensatz", ´den aus den Bewerbungen auszufiltern gilt, wie die Langzeitarbeitslosen. Es war mucksmäuschenstill im Saal, und ich hoffe, ich war nicht die Einzige, die vom Gehörten empört war.
    Den Druck, den man abbekommt, wenn man Leistungen aus den Sozialtöpfen beziehen muss, habe ich bislang als enorm empfunden und im Mai war ich krankheitsbedingt auch an dem Punkt, an dem ich dem Ganzen nicht mehr stand gehalten habe. Entweder man funktioniert nach der Reha wieder oder man landet halt wegen fehlender Vermittlungsfähigkeit vom ALG1 im HartzVI, und da geht der "Spaß" gerade so weiter. Letztlich musste sich der soziale Dienst im Krankenhaus damit auseinandersetzen, weil ich es nicht mehr gepackt habe. Wäre der Druck im System nicht so hoch, wäre es vielleicht gar nicht so weit gekommen und ich wäre nicht wieder dermaßen weit zurück geworfen worden.
    Ich bin gespannt, wie lange das noch so weiter gehen soll und ich will gar nicht wissen, wie vielen anderen es genau so oder ähnlich ergehen mag...
    Liebe Grüße,
    die Eremitin

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    1. Hallo Eremitin

      Danke für deinen ausführlichen Kommentar!

      Dass dies sogar Teil eines Studiums sein kann, so weit hab ich nicht gedacht! Es erschreckt mich und macht mich ratlos. Mich erstaunt nicht, dass ein solches System Menschen "ausspuckt". Und meistens nicht diejenigen, die es sich bequem machen, sondern die Engagierten. Für deinen Weg wünsche ich dir alles Gute!

      Mein Weg ist anders verlaufen, ich wurde gleich mit Ende meiner Schulzeit krank (Depression und Angst). Mehrere Ausbildungsversuche und -abbrüche und eine Berufslehre dann abgeschlossen mit 32 Jahren. Die "Eingliederung" hat sich auf diese Weise halt (immer) weiter nach hinten gezogen. Ich bin froh, hatte ich diesen Weg. Heute komme ich zurecht. Doch die Entwicklungen dieser Welt der Arbeit (wie beschrieben) finde ich seltsam. Manchmal denke ich, dass vor allem stromlinienförmige Menschen gefragt sind. Und ich suche mir eben meistens meinen eigenen Weg.

      Liebe Grüsse
      Anne

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  2. Liebe Anne, ich kann Deine Bedenken verstehen, habe ich doch selbst zwei Jahre in H4 verbringen müssen. Es ist schlichtweg - ob nun das H4 oder die Arbeitswelt - ein unmenschliches System, das von Menschenhand geschaffen wurde. In der ehemaligen Firma hiess es immer "Für HR sind Sie nur eine Zahl und die gilt es nach Bedarf zu maxi- oder minimieren".

    Nicht umsonst gibt es (ich muss den Link mal raussuchen) Psychologen, die sagen, dass in den meisten Firmen Psychopathen an den passenden Hebeln sitzen.

    Letztendlich finde ich es oft erschreckend, wie menschenfeindlich agiert wird und dass die Menschen schon so verängstigt sind, weil sie ja wissen, was bei Arbeitslosigkeit an Grausamkeiten auf sie zukommt, dass sie sich selbst lieber als Lohnsklaven verkaufen, anstatt aufzubegehren und für die Sache auf die Straße zu gehen.

    Liebe Grüsse
    Clara

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    1. Hallo Clara

      Ich bewundere jeden, der in diese Mühlen gerät und es einigermassen heile übersteht. Da gehört Lebensmut dazu. In diesem System täglich den eigenen Weg zu finden, ist eine echte Herausforderung, finde ich.

      Den Teufel will ich nicht an die Wand malen, aber mir fallen eben soviele Unstimmigkeiten auf, die ich festhalten muss.

      Ich erinnere mich vage, dass du den Text evtl schon mal in deinem Blog hattest (Hebel der Macht/Psychopathen)? Mich wundert es ehrlich gesagt nicht: :) und :(

      Die Frage ist: Gegen wen müsste man auf die Strasse gehen? Bringt es was? Die Mächtigen sind ja Teil des Systems. Und die Strukturen werden oft als "gegeben" hingenommen, egal auf welcher Hieraechiestufe. Die Konsequenz kann, für mich, nur eine persönliche sein. Allerdings hab ich den Dreh/Clou noch nicht ganz raus .. ich übe ..

      Liebe Grüsse
      Anne

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  3. @beide

    Vielen Dank für eure Kommentare! Das tat gut, dieses Feedback zu bekommen. Ich wollte alles schon wieder in den Papierkorb schmeissen, weil ich es zu polemisch fand. Doch ich lasse es stehen, da ich immer noch der gleichen Meinung bin. Ich sehe mich gerade ausser Stande, auf eure Kommentare persönlich einzugehen, da ich noch zu aufgewühlt dazu bin. Ich möchte dazu erst wieder zur Ruhe kommen. Vielen Dank erstmal für eure Mitteilungen ...

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  4. Liebe Anne,

    "Am Ende erledigt man wahrscheinlich dann doch mit weniger Menschen die gleiche Arbeit wie vorher -- voilà! Das ist dann der sogenannte Fortschritt" schreibst du, und genau das erlebe ich gerade an vielen Orten (in Deutschland). Bei einem Auftrageber wurden 2 zu einer halben Stelle zusammengestrichen, nix funktioniert mehr, was soll's.
    Als Freiberuflerin muss ich höllisch aufpassen, nicht entweder zu verarmen oder aber so viel zu schuften, dass ich im Burnout lande. Ich mache inzwischen einen Job, den vorher zwei Menschen Lohn und Brot brachte, und bei mir reichte es dennoch gerade so.

    Schwierige Zeiten!

    LG

    Bodecea

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    1. Hallo Bodecea

      Dass sich das Klima ebenso für Freiberufler ändert, ist mir an einem Beispiel aufgefallen. Es werden Preise gedrückt, also Kunden wollen die Rechnungen des Freiberuflers nicht (voll) zahlen oder feilschen um den Preis (im Bekanntenkreis erlebt). Ich glaube, dass es heute besonders wichtig ist, gut zu sich zu schauen. Ob in Festanstellung oder freiberuflich. Es ist eine Art von Doppelmoral, die mir da auffällt.

      Einerseits haben wir heute mehr Möglichkeiten zur freien persönlichen Entfaltung als jemals zuvor in der Geschichte ... andererseits riecht es oft böse nach Fronarbeit die sich zB hinter "freiwillig geleisteten Überstunden" verbirgt...

      Liebe Grüsse
      Anne

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  5. Kann immer wieder von Arno Gruen das Buch: der Wahnsinn der Normalität, empfehlen, LG Luzia

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    1. Hallo Luzia

      Danke für den Buchtipp!

      Lieber Gruss
      Anne

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